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Treffen der Expressiven
Exotische Köpfe
von Max Pechstein und Gerd Sonntag
von Peter-Alexander
Fiedler 20.09.2007 Greiz. (tlz) Ungewöhnliche
Wege geht das Museum Unteres Schloss Greiz mit der an diesem Sonntag,
11 Uhr, zu eröffnenden Ausstellung "Meisterwerke der Moderne:
Max Pechstein - Gerd Sonntag". In den nächsten Jahren
soll die damit startende Reihe "Berühmte Expressionisten
treffen auf Vertreter der aktuellen Kunstszene" fortgesetzt
werden. "Durch diese Ausstellungsserie wollen wir den Besuchern
Entwicklungen und Verbindungen der Kunstgeschichte zur aktuellen
Kunstszene vermitteln und Brücken bauen für die Entdeckung
von Wegen zur modernen Kunst", betonen die Veranstalter.
Den Auftakt macht das Mitglied der 1905 in Dresden gegründeten
Künstlergruppe "Brücke", Max Pechstein, der
1906 zu der Gemeinschaft gestoßen war. Der Expressionist ist
mit 71 Grafiken vertreten, die einen Querschnitt seines künstlerischen
Schaffens bieten. Besonders die Holzschnitte spiegeln seinen Ausdrucks-
und Gestaltungswillen. Die Konzentration auf Fläche und Kontrast
öffnet dem Betrachter den Blick für Formen und Komposition.
Wie auch den anderen "Brücke"-Mitgliedern ging es
Pechstein (1881-1955) um das ursprüngliche Umsetzen des Gesehenen.
Die rasche Malweise schaltete die Reflexion aus, führte zu
einem spontanen, emotionalen Stil.
Es war auch für
Pechstein ein Aufbruch zur inneren Wahrheit, die sich nicht um Perspektive
kümmerte, sondern in schroffen Konturen und ungewohnten Ton-Kontrasten
ausdrückte, was der Künstler vor der Natur, vor dem nackten
Modell oder vor dem Exotischen - Pechstein bereiste 1914 die Palau-Inseln
in der Südsee - empfunden hatte.
Greift man Zitate aus
Pechsteins "Schöpferischer Konfession" (1920) heraus,
dann heißt es dort: "Malen! Wühlen in Farben, Wälzen
in Klängen!" Das ist verwandt den wortgewaltigen, nahezu
explosiven Texten des von früh an auch literarisch tätigen
Gerd Sonntag, der 2003 in der Kunstsammlungsgalerie im Jenaer Stadtmuseum
unter dem ihm entliehenen Motto "Spucke im Hirn - Angst im
Gebiss" ausstellte. Besonders aber in seiner ausdrucksstarken
Malerei wird eine künstlerische Nähe zu dem expressiven
"Brücke"-Künstler deutlich. Angesichts der offiziellen
Kunstdoktrin in der DDR nahmen etliche, sich nicht anpassende Künstler
der jüngeren Generation die Traditionsfäden der Expressionisten
wieder auf, sie interpretierten sie aber völlig neu. Das Wilde,
Spontane kam wieder zum Tragen. Sonntags groß ins Bild gesetzte
Köpfe wirken wie Bewusstseinslandschaften, wie nervöse
Chiffren für ein anderes Menschenbild, in schnellen Gesten
hingeknallt, tiefe Pinselspuren hinterlassend und ein Aufleuchten
der Farben Malte und zeichne
Später Erfolg
War Pechstein "Lieblingskind
der Presse" (Emil Nolde) und ein "kleiner Napoleon der
Berliner Künstlerschaft (Franz Marc), so war auch Gerd Sonntag
der Erfolg - wenn auch spät - beschieden. 1954 in Weimar geboren,
besuchte er von 1961 bis 1973 die Volks-Kunstschule in Jena und
knüpfte in der Saale-Stadt Kontakte zur oppositionellen Literaten-Szene.
1973 hatte er seine erste Personalausstellung im Jenaer Stadtmuseum
- bis 1985 die letzte in der DDR. Die Aufnahme in den Künstlerverband
wurde im Auftrag der Staatssicherheit abgelehnt. Er ging 1977 nach
Berlin, arbeitete als Heizer, Steinmetz und Telegrammbote, bis er
1980 ein Stipendium der Kunstakademie als Meisterschüler bei
Theo Balden erhielt.
Ende der achtziger Jahre
stellte er in der heute erfolgreichsten ostdeutschen Galerie "Eigen
+ Art" aus, damals noch eine Hinterhofadresse. 1989/90 hatte
Sonntag als erster Künstler aus Ostdeutschland eine Personalausstellung
im Brooklyn Museum of Art in New York. Heute stellt er in internationalen
Museen und Galerien aus.
In Greiz werden Ölgemälde
und Glasskulpturen von ihm präsentiert. Letztere sind ein Feuerwerk
aus Farben und bieten durch die Vielschichtigkeit des aufgebauten
Materials ein Seherlebnis auf verschiedenen Ebenen.
Greiz, Museum Unteres
Schloss, Eröffnung am 23. September, 11 Uhr, mit einem Gespräch
zwischen Erik Stephan, Kurator der Kunstsammlung Jena, und Gerd
Sonntag; Ausstellung bis 25. November, Di-So 10-17 Uhr
© Peter-Alexander Fiedler, 20.09.2007
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Das Eingeübte
ist keine Kreativität. "Gerd Sonntag - ein
Weg in die Kunst"
veröffentlicht
in MUT. Forum für Kultur, Politik und Geschichte, Nr.468, August,
2006
von Udo Scheer
"Mit Siebzehn
war mir nicht klar, dass Malerei für mich ein Beruf werden
könnte. Davon zu leben schien mir durch meine Erziehung ein
Relikt vergangener Jahrhunderte", erzählt Gerd Sonntag,
über seine frühere Naivität heute selbst erstaunt.
Siebzehn Jahre später sollte er als erster und unangepasster
Künstler der DDR in London und danach in New York ausstellen.
Bereits mit achtzehnzehn
bestritt der junge Maler 1973 im Jenaer Stadtmuseum seine erste
Personalausstellung. Ein in der Universitätsstadt noch heute
recht bekannter Kunstwissenschaftler wollte sein Talent fördern.
Bei anderen Kulturverantwortlichen stieß "dieser Sonntag"
sofort auf Ablehnung. Seine frühen manieristischen und am klassizistischen
Picasso geschulten Gemälde fügten sich nicht ins Raster
des Sozialistischen Realismus. Er lehnte jede ideologisch durchdrungene
Malart ab, die für ihn letztlich auf Illustration vorgegebener
Werte hinauslief. Stattdessen suchte er als junger Künstler
die Mathematik von Hell und Dunkel, von Fläche und Linie in
den Werken der Meister von Michelangelo bis Matisse zu ergründen.
Und so zitieren frühe Motive mit Liebenden [s. Abb. "Ganz
in Rot"] oder Frauen mit Kindern durchaus die alten Meister.
Das sorgte für Aufsehen, aber Anstoß erregten andere
Bilder. Da gab es den verwahrlosten Alten, abstoßend Betrunkene
oder den Soldaten in Unterhose.
Das erste Mal begegneten
wir uns im selbst- wie staatskritischen Jenaer Arbeitskreis Literatur
um Lutz Rathenow. Der spontane, bleibende Eindruck angesichts dieses
großen, schlanken, längst in der Szene bekannten Zwanzigjährigen
war: selbstbewusst, bis zum Kopfschwirren schnellsprechend und übersprudelnd
vor Wissen, dabei zugleich sympathisch wissbegierig. Doch das Bemerkenswerteste
an ihm waren seine Augen, die rastlos alles ringsum aufzunehmen
schienen. Miteinander unterwegs konnte es geschehen, dass er spontan
seine neuesten, expressiven, oft seitenlangen Gedichte rezitierte,
weil sie ihn im Augenblick mehr als alles andere beschäftigten.
Sein erstes Atelier richtete Gerd Sonntag sich auf dem Wäscheboden
des alten Mietshauses in der Jenaer Kollwitzstraße ein. Die
Wohnung im vierten Stock darunter hatten seine Schwester und er
nach Trennung der Eltern in zwei spartanische Wohntrakte aufgeteilt.
Damals war er Sechzehn. Wer ihn besuchen wollte, konnte ihn fast
immer auf dem geräumigen Dachboden vor einer seiner Staffeleien
antreffen, inmitten des Geruchs der Ölfarben, bei frostigen
Temperaturen in dickem Pullover und fingerfreien Handschuhen. Teetassen
und Rotweinflaschen zeugten von einem Ortes, der gut war für
gute Gespräche und interessante Begegnungen. Es verging wohl
kaum ein Besuch, bei dem er nicht einige seiner aneinander gelehnten
großformatigen Gemälde hervor zog und Meinungen einforderte.
1954 in Weimar geboren,
besuchte Gerd Sonntag von seinem sechsten bis achtzehnten Lebensjahr
die Volks-Kunstschule im thüringischen Jena. Er belegte die
Klasse für Malerei und Skulptur, zeitweilig nahm er Unterricht
in Klavier, Pantomime und Keramik. Rückblickend meint er, das
dort erworbene Rüstzeug, Farbenlehre, Erzeugen von warmen oder
kalten Stimmungen, Natur- und Aktstudien, wie auch das Wissen um
den Aufbau einer Keramik sei ihm später durchaus hilfreich
gewesen. In diese Zeit fallen auch zwei Internatsjahre an der Sportschule
Erfurt als Leistungsschwimmer. Im Elternhaus kommunistisch
erzogen, bewunderte der Junge vor allem seinen Großvater Fritz.
Noch vor der Gründung der KPD gehörte der zu jenen 60
Jungkommunisten und Jungsozialisten, die 1916 zur Jenaer "Osterkonferenz
der Jugend" zusammen mit Karl Liebknecht ihr Zukunftsprogramm
entwickelten. 1928 begründete dieser Großvater die Kommunistische
Partei-Opposition (KPO) mit, welche die radikale Linie des Stalinismus
und der Thälmann-Fraktion ablehnte. Diesem Großvater,
der in der Weimarer Republik und unter der NS-Herrschaft im Zuchthaus
saß, der nach dem Krieg in den Westen ging und den Sozialismus
hinter sich ließ, glaubte der junge Gerd Sonntag, wenn der
sagte: "Alle Anführer, alle Führer sind Banditen."
Wahrscheinlich ist es nicht zuletzt diesem verehrten Großvater
zuzuschreiben, das der Enkel nach der üblichen Aufnahme mit
Vierzehn in die Zentrale Jugendorganisation FDJ schon im selben
Jahr wieder austrat. Seit dieser Zeit lebt er in einem weltanschaulichem
Spannungsverhältnis mit seinem Vater, der als Wirtschaftswissenschaftler
an der Sektion Marxismus-Leninismus der Jenaer Universität
ein unbeirrbarer Verfechter des Sozialismus blieb. Mit Neunzehn
erhielt das Malertalent ohne Probleme seine Studienzulassung für
die Kunsthochschule Leipzig. Problematisch wurde es erst, als er
nach einem halben Jahr angesichts des verschulten, ihm kaum Neues
bietenden Unterrichts darauf drang, regulär exmatrikuliert
zu werden: "Ich hatte ganz andere Vorstellungen von Malerei
und eine völlig andere Ästhetik. In Leipzig beherrschte
das Erzählerische die Bilder. Grundsätzlich galt das Dogma,
sie wüssten, wie gezeichnet wird. Ich aber ahnte, dass es darum
geht, für mich ein eigenes System zu finden, ähnlich wie
in einem Gedicht. Es muss sich seinem Test in der Außenwelt
stellen, und keiner kann vorhersagen, ob es angenommen, ob es vom
Zeitgeschmack oder ganz verworfen wird. Aber wichtig ist, dass es
ein eigenes System ist. Mir ging es schon damals um die Darstellung
der inneren Struktur der Dinge. Ich war in einer Zeit angetreten,
als sich Zweifel am Absolutheitsanspruch der Politik ebenso regten
wie an der "richtigen Kunst". Letztlich bin ich über
die Ästhetik damit in Konflikt gekommen. Die Vorstellungen,
die ich in der Malerei entwickelte, sind propagandistisch nicht
verwertbar."
Besaß die Partei
das Recht auf Inbesitznahme einer ganzen Gesellschaft? Fragen wie
diese aufzuwerfen, war selbstverständlich im Freundeskreis
in dem für die DDR Anfang der Siebziger besonderen Biotop Jena.
Diesem Biotop verdankte Gerd Sonntag nicht zuletzt seine Bekanntschaft
mit dem SED-Kritiker Robert Havemann. Dessen Tochter Sibylle studierte
an der Jenaer Universität Psychologie zusammen mit Jürgen
Fuchs, und sie wohnte zeitweilig in der Kollwitzstraße. Durch
ihre Beziehung mit Wolf Biermann war der wiederum zu Gast in Wohnung
und Atelier, gab gelegentlich "Hauskonzerte" und dominierte
in den Disputen um Strategien und Verhaltensweisen oppositioneller
Arbeit. Vor der Haustür registrierten Stasi-Mitarbeiter aus
ihren Autos heraus die Besucher. Drinnen scheiterten Spitzel meist
am Misstrauen des handverlesenen Kreises. Als Havemann nach
der Biermann-Ausbürgerung über Jahre unter Hausarrest
stand, besuchte der Maler ihn weiter: "Den Gang nach Grünheide
ging ich (ohne ARD oder ZDF im Rücken), allein deshalb, weil
ich die Gespräche mit ihm nicht von der Stasi unterbrechen
lassen wollte, weil ich einen Mann, bei dem ich in etwas besseren
Zeiten zu Gast war, in schlechteren Zeiten nicht isoliert lassen
wollte."
1974 hatte Gerd Sonntag
sich um Aufnahme in den Verband Bildender Künstler beworben.
Doch dessen Statut legte fest, dass jeder Kandidat ein abgeschlossenes
Kunststudium oder zumindest Verdienste durch "hervorragende
gesellschaftliche Arbeit" vorzuweisen hatte. Kulturfunktionären
und MfS konnten so nach Belieben linientreue Dilettanten fördern
und die Mitgliedschaft unangepasster Künstler verhindern. Im
Fall Sonntags verweigerten sie die Aufnahme 15 Jahre lang bis 1988.
Dabei war eine Mitgliedschaft die notwendige Voraussetzung für
öffentliche Aufträge, vor allem aber für eine Steuernummer,
die dazu berechtigte, vom Verkauf eigener Werke seinen Lebensunterhalt
zu bestreiten. Damit gehörte Sonntag zu jenen Künstlern,
die sich der in der DDR geltenden Arbeitspflicht zu unterwerfen
hatten, oder es drohte § 249 des Strafgesetzbuches: "Gefährdung
der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten" -
bis fünf Jahre Freiheitsentzug.
So arbeitete der Maler
nebenher im gelernten Beruf als Steinmetz, Heizer und Telegrammbote,
um das vorgeschriebene Mindesteinkommen nachweisen zu können.
Überraschenderweise gestaltete noch im Februar 1975 der Sekretär
des staatlichen Kulturbundes in Bad Köstritz bei Gera
eine Ausstellung mit seinen Gemälden. Er ahnte offenbar nicht,
worauf er sich einließ, als er auf Sonntags Wunsch hin die
Liedermacherin Bettina Wegner, den Liedermacher und Texter der verbotenen
Renft-Combo Gerulf Pannach und Jürgen Fuchs mit seinen aufstörenden
Prosatexten und Gedichten für das Eröffnungsprogramm einlud.
Die herbeibeorderten SED-Funktionäre und Mitarbeiter des MfS
sahen in der Veranstaltung eine reine Provokation. Der zuständige
Sekretär der SED-Bezirksleitung Gera, Genosse Gustl Pazculla,
wies an: Absetzung des Kulturbundfunktionärs, Auftrittsverbote
für Wegner, Pannach, Fuchs und "geeignete Maßnahmen"
der Jenaer Universität gegen Fuchs. Ein Disziplinartribunal
verfügte daraufhin zur Abschreckung Gleichgesinnter Fuchs´
Exmatrikulation, nachdem der seine Diplomarbeit bereits mit "Sehr
gut" verteidigt hatte. Für Gerd Sonntag änderte sich
vorerst wenig. Doch als er einen Anwerbeversuch durch die Staatssicherheit
im Freundeskreis noch am selben Tag dekonspiriert hatte, verfügte
der verantwortliche Offizier als Zersetzungsmaßnahme gegen
den "feindlich-negativen" Kreis u.a.: "Gerd Sonntag
- Einberufung zur NVA. Information an die zuständige Diensteinheit
der NVA (HA I des MfS) zur Gewährleistung der operativen Kontrolle
bzw. Weiterbearbeitung" (OV Pegasus, Reg.-Nr.: X 66/75, Bd.
I, Bl. 175). "Ich kam im Herbst ´75 nach Oranienburg
in Brandenburg, möglichst weit weg, das war Prinzip, und bekam
in den achtzehn Monaten ein einziges Mal Urlaub nach Jena. Der fiel
in die Zeit der Biermann-Ausbürgerung, der großen Verhaftungswelle
in der Stadt mit Rund-um-Überwachung durch die Stasi. In Oranienburg
hatte ich bis dahin für mich malen dürfen, hatte mir auf
dem Dachboden ein Areal abgeteilt. Jetzt bekam ich Malverbot bis
zum Ende der Armeezeit. Meine Bilder wurden eingemüllt. Nachdem
auch mein Spind durchwühlt worden war, bat ich Günter
Kunert als Vertrauensperson, meine Gedichte und Skizzen an sich
zu nehmen. Diese Armeeskizzen zeigte dann 1980 die Westberliner
Ausstellung "Die ungehorsamen Maler" zusammen mit Arbeiten
von Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus, Peter Herrmann, A.
R. Penck und Strawalde."
Nach Ableisten des Wehrdienstes
zog es den Künstler in das größere Freiräume
versprechende Ostberlin. In Jena hatte die Staatssicherheit ganze
Arbeit geleistet, die Szene war paralysiert, ihre besten Köpfe
waren exmatrikuliert, weggezogen oder verhaftet und später
nach Westberlin freigekauft worden. "Es war schon erstaunlich
in dieser großen Stadt Berlin, wenn da jemand wie ich aus
der Provinz ankam, wusste die Kunstszene sofort bescheid. Irgendwann
kam Harald Metzkes, Akademiemitglied und einer der wichtigsten Vertreter
der sogenannten Berliner Schule, in mein Atelier in der Fehrbelliner
Straße und erklärte, so könne es nicht weitergehen,
tagsüber arbeiten als Telegrammbote und abends malen. Er sagte:
"Bei Ihrer Begabung muss es doch mit dem Teufel zugehen, wenn
Sie nicht in die Akademie aufgenommen werden." Ich murmelte,
dass ich keinerlei Abschlüsse hätte und kein Verbandsmitglied
sei. Er: "Am Ende entscheiden das die Mitglieder. Wen würden
Sie sich als Mentor wünschen?" Da nannte ich Theo Balden.
Ich war überzeugt, mit dem kannst du dich unterhalten. Der
alte Herr kam in mein Atelier, sah sich mit jugendlich wirkender
Freude meine Arbeiten an, sagte, ja, das mache er. Er hatte bislang
überhaupt erst einen Meisterschüler angenommen. Meisterschüler
sein, hieß drei Jahre Studium, Stipendium, Atelier und Reisepass.
Den Reisepass wurde mir allerdings vberweigert. Meine Armeezeichnungen
und aus dem Gedächtnis reproduzierte Gemälde wie "Der
schwule Soldat" hingen gerade in der Westberliner Ausstellung
"Die ungehorsamen Maler". Dafür sollte ich sogar
gefeuert werden. Aber Theo Balden verhielt sich wunderbar: "Wieso
bekommt mein einziger Meisterschüler, den ich mir ausgewählt
habe, keinen Reisepass? Wieso werden hier die Bedingungen nicht
eingehalten?" Er drohte mit dem Boykott der Akademie. Austritt
war ihm ja nicht möglich, Mitglied wurde man auf Lebenszeit.
Mit dem Pass hatte ich dann Gelegenheit, Galerien zu besuchen, vor
allem aber Jürgen Fuchs und andere Ausgebürgerte zu treffen."
Nach drei Jahren Akademie
der Künste hatte Gerd Sonntag im Dezember 1982 den höchsten
für einen Künstler in der DDR möglichen Abschluss
in der Tasche, war quasi Doktor, ohne Magister gewesen zu sein.
Doch eine Verbandsaufnahme wurde dem inzwischen im OV "Exponent"
von der Staatssicherheit Bearbeiteten mit der internen Einschätzung
"unzureichendes gesellschaftliches Gesamtverhalten" weiterhin
verwehrt. So erklärte er sich selbst zum freien Künstler
und forderte per Eingabe eine Sondergenehmigung, um seine Arbeiten
verkaufen zu dürfen. Vor allem durch Harald Metzkes,
meint Gerd Sonntag heute, habe er zu seinem eigenen Stil gefunden.
Nach der Akademiezeit hatte der ihn zu seinen wöchentlichen
Übungen im Akt- Stillleben- und Naturzeichnen eingeladen: "Metzkes
und ich haben ein künstlerisch intensives Zeichenstudium gemacht.
Ich habe ihn beobachtet. Er hatte ein bildnerisches System für
sich entwickelt und war damit eine Ausnahme. In der DDR ging sonst
jede Malschule auf irgendetwas zurück, nur nicht auf sich selbst."
In der Auseinandersetzung mit Harald Metzkes dürfte Gerd Sonntag
wesentlich dazu gefunden haben, Kantiges gegen Weiches zu setzen,
Hell-Dunkel-Bezüge zu schaffen und die räumlichen Werte
von Farben und deren Beziehungen zueinander zu untersuchen. Mitte
der Achtziger arbeitete er an einer Bildfolge mit dem programmatischen
Titel "Tötung des Fabeltiers", die in der Ostberliner
Untergrundgalerie Ölsner zu sehen war. Ins Zentrum seines Schaffens
rückten danach Gesellschaft, Soziales, Familie. Es entstanden
expressionistische Bildervariationen zu "Mann und Kind","
Mann mit Hund" [s. Abb. Mann mit Hund] "Mann, Kind und
Hund", "Der rote Junge mit dem Hund". Ihn interessierte
zunehmend der Fläche-Raumbezug und die Staffelung in der Tiefe.
Trotz aller figürlichen Reduzierung, mitunter auf grobe Pinselschwünge,
entstand hier mehr als nur ein eigenwillig, explosiver Primitivismus.
Immer wieder beeindruckt Gerd Sonntag seit diesen Gemälden
mit einer aus den Farben sprühenden Emotionalität. Bei
aller scheinbaren Spontaneität bleibt nichts dem Zufall überlassen.
Die Bilder folgen einer klaren Komposition und ziehen ihre Wirkung
nicht selten aus mehrfachen Farbschichtaufträgen. Im umgebenden
Chaos bleiben Physiognomien und Konturen erkennbar und ziehen den
Betrachter so in ihren Bann. In den Achtzigern gehörte Gerd
Sonntag zu den Neoexpressiven in der DDR, die für ihre bewusste
Absetzung von der Leipziger Formensprache gefeiert wurden.
Angeregt durch seine
Beteiligung an derAusstellung "Götzen - Ismen - Fetische"
im Berliner Dom vermittelten Schweizer Kunstfreunde 1986 mit Unterstützung
der BBC die erste Gemälde-Ausstellung eines Malers aus der
DDR in der City-Artists-Gallery London. Nach zwei Jahren Genehmigungsverfahren
im Kulturministerium wurde die erste Londoner Ausstellung eines
DDR-Künstlers für 1988 bewilligt. Gerd Sonntag hatte kein
Visum beantragt. Den Aufwand und Nervenkrieg lehnte er ab. Für
ihn völlig überraschend nötigten ihm Mitarbeiter
des Kulturministeriums kurz vor der Eröffnung die Reisepapiere
regelrecht auf: Er wolle doch nicht etwa, dass die britische Presse
berichte, er dürfe nicht reisen? Die Ausstellung wurde
nicht nur ein Erfolg, sondern gestaltete sich hinter den Kulissen
zu einem regelrechten Bilderkrimi, wie er wohl nur in der Endphase
der DDR möglich war. Vom staatliche Außenhandel ausschließlich
mit einer Ausfuhrdeklaration versehen, gab der britische Zoll die
Gemälde erst nach einer über BBC erwirkten erheblichen
Bankbürgschaft unter der Bedingung frei, dass keines der Bilder
verkauft werde. So saß der Maler mit seinen großformatigen
Gemälden in London, konnte keines verkaufen und sie genau so
wenig selbst wieder nach Berlin zurück bringen. Der DDR-Botschafter
sah sich als nicht zuständig an, bis der Künstler ihm
am Telefon androhte, er werde solange nicht in die DDR zurückkehren,
solange seine Bilder nicht zurückkommen, und er werde das Kulturministerium
informieren, dass der Botschafter dafür verantwortlich sei.
Eine halbe Stunde später hatte er den Termin ihrer Abholung.
Noch außergewöhnlicher
verlief Gerd Sonntags Kunsteinstand in New York. Der Leiter des
dortigen Castillo-Cultural-Centers hatte seine Londoner Ausstellung
gesehen und wollte sie 1989 für ihr Festival "200 Jahre
Französische Revolution" für eine Dreieraktion mit
den Dramatikern Jochen Berg und Heiner Müller. Gerd Sonntag
erinnert sich: "Das Zentrum wurde geleitet von einer linksorientierten
Partei, von der nicht bekannt war, woher die ihr Geld hatte. Als
sie verlangten, dass ich mit gegen Gorbatschow demonstrieren und
Petitionen unterschreiben solle, gab es eine Auseinandersetzung,
und sie schlossen die Ausstellung. Heiner Müller hat sich da
sehr bedeckt gehalten, Ich dachte also, ich würde auf der Straße
sitzen, da fuhr am nächsten Tag ein Lieferwagen vom renommierten
Brooklyn-Museum of Art vor. Die Kuratorin Charlotta Kotik wollte
ja schon 1986 eine Ausstellung in New York arrangieren, aber die
normale Museumsplanung lag bei fünf und mehr Jahren. Sie lachte,
die Schließung sei ein genialer Zug gewesen, so habe sie ihren
Direktor von einer sofortigen Anschlussausstellung überzeugen
können. In zwei Wochen Eröffnung! Die erste Personalausstellung
eines ostdeutschen Malers in New York! In der selben Nacht rief
die New York Times an, wollte ein Interview. Das kam dann als Aufmacher
auf der Titelseite in ihrer "Arts"-Beilage. Wenn diese
Ausstellung nicht gewesen wäre -, ich war ja bis ´88
kaltgestellt, bekam keine regulären Ausstellungen, keine Erwähnungen.
Für den neuen Kunstmarkt wäre ich ein Niemand gewesen.
Entweder du gehörtest zur DDR-Riege, oder du musstest außerhalb
einen Namen haben. Über den Umweg New York wurden meine Arbeiten
erst verkaufbar, kamen Ausstellungen in Chicago, Boston, Detroit,
und natürlich in Deutschland und Europa." Jaques
Mallet, seither Gerd Sonntags Verkaufsgalerist der New Yorker Mallet
Fine Art Ltd., schrieb im Nachwort zu ihrem Ausstellungsband "The
Bad Smiling" über ihre erste Begegnung im Brooklyn-Museum:
"Die Ausstellung war eine Überraschung. Die Bilder zeigten
Frauen, auftauchend aus der Finsternis, allein, ohne offensichtliche
Verbindung zu ihrem Umfeld. Keine Gefälligkeit. Keine Besänftigung."
Von 1990-1996 versuchte
der Maler sich auch als geschäftsführender Mitinhaber
einer kommerziellen Galerie und stellte mit künstlerischem
Weitblick damals neue Namen in der Öffentlichkeit vor. Darunter
den inzwischen über Deutschland hinaus berühmt gewordenen
Leipziger Künstler Neo Rauch heute vertreten von EIGEN + ART
der wohl bedeutendsten Galerie in Ostdeutschland. Nach sechs
Jahren Galeriearbeit zog Gerd Sonntag einen Strich für sich
und stieg aus: "Um als Galerist Erfolg zu haben, hätte
ich nur noch Galerist sein dürfen." Zugleich arbeitete
er ehrenamtlich in mehreren Gremien. Als stellvertretender Vorsitzender
der Stiftung "NEUE KULTUR" wirkte er mit bei ... er Christo
zur Reichstagsverhüllung nach Berlin. Im Zentrum aber sollte
wieder die eigene künstlerische Arbeit stehen. (Christo: Hier
hatte die unten genannte Gabriele Muschter die wichtigste Organisat.
erledigt und zu viel daran gearbeitet, als daß ich das
für mich in Anspruch nehmen dürfte. ) Mitte der 90er
Jahre führte er die Motivreihe "Frau allein"
mit der Skulpturen- und Bildfolge "Die Geburt der Saliha"
fort. Das Erlebnis der Geburt (eines Mädches, das Saliha heißen
sollte) hatte ihn so stark beeindruckt, dass er den Geburtsvorgang
als Mysterium der Schönheit wieder und wieder in leuchtende
Farben setzen musste. [s. Abb. "Ihr Kosmos"]. Die Kunsthistorikerin
Gabriele Muschter schreibt über Sonntags 1997er Ausstellung
"Der Kopf - die Frau - das Bild" in der Kulturbrauerei
Berlin: "Es sind Kultbilder, in denen das Leben als Festtag
beschrieben ist - der Betrachter steht nicht davor, er befindet
sich mitten drin, er ist im Bilde. (...) Der Künstler schwelgt
in Farben und in ausufernden Formen, er ehrt das Leben, und damit
im Zusammenhang die Frau. Das Gerede vom Ende der Malerei - Gerd
Sonntag zählt zu den Künstlern, die es durch ihre Arbeit
immer neu ad absurdum führen." Ähnliche Auffassungen
kann man auch von anderen Kunstkritikern zu hören.
Durch die Arbeit an
der Bildfolge "Die Geburt der Saliha" wurde dem Künstler
unvermittelt bewusst, Menschsein bedeutet lebenslange Arbeit an
der Selbstgeburt. Um diese Erkenntnis auszuloten, malte er sich
Anfang der Neunziger gleichsam besessen durch eine umfangreiche,
großformatige Bildfolge "Köpfe", Charakterstudien,
die das innere Wesen des Menschen zu ergründen suchen. [s.
Abb. "Kopf o.T."] Bei ihrer Betrachtung, am vorteilhaftesten
aus wechselnder Distanz, offenbaren sie auf einmalige Weise das
hinter der äußeren Kontur liegende Verschlagene, Lauernde,
Neidvolle, Böse, Gequälte, Verwirrte, aber auch das Weise
und Erhabene. Fasziniert vom Anblick dieser "Köpfe"
schrieb James L. Fisher, der Kurator des Modern Art Museum of Fort
Worth im Katalog zur Ausstellung "Das böse Lächeln"
(Berlin/New York 1992): "... ein unermessliches Angebot an
Emotionen und Charakteren... Sonntag demaskiert in diesen Porträts
die geistige Natur des Menschen." Als läge
dem Kopf in der Malerei nichts näher als Worte, entwickelte
der Malerdichter in der ihm eigenen Kontinuität unbedingter
künstlerischen Suche nach Perfektion seine ganz individuelle
Art von Schriftbildern. Anders als Carlfriedrich Claus mit dessen
grafisch in Szene gesetzten visuellen Gedichten macht Sonntag das
Wort zu seinem Gegenstand. ( zu einem Gegstd. / zu seinem bildnerischen
Gegstd.?) Ihn reizte es, die zusätzlichen Dimension der
Wortbotschaft zu erschließen. "Notwendigkeit" konnte
so ein Wort sein [s. Abb. "Notwendigkeit. Eisernes Wort"],
oder "Arbeit", Worte die die Urbestimmung des Menschen
benennen, oder auch Typisches an der modernen Gesellschaft: "Arbeit
- Krankheit - Versicherung. Mein Dschungelbild" stehen gegen
"Ich - Gewinn - Lust - Lustgewinn" oder "Ich tut
gar nichts. Ich hat Zeit". Sprache reduziert auf einfachste
Wortblöcke schafft Assoziationsräume, die zu Erkundungsreise
ins eigene Ich locken. Die "Arbeit am Aufsteh", so der
provokant schlichtspröde Titel dieses umfangreichen Zyklus´,
ist angetreten, Sprachbotschaften neu zu entdecken. Der Kreis des
sich selbst Bewusstwerdens schließt sich für Sonntag
in "Mein Ich / Mein Arbeit / Mein Geburt" - in einem Prozess
lebenslanger Selbstgeburt.
Das vielleicht Bemerkenswerteste
an der künstlerischen Arbeit Gerd Sonntags ist sein kreativer
Drang, mit Hilfe immer neuer Techniken das Wesen, das Wesentliche
hinter der Oberfläche seiner Figuren und Objekte sichtbar zu
machen. Im Nachhinein nur logisch und konsequent, entdeckte er dafür
das Glas, das ihm, in mehreren Schichten miteinander verschmolzen,
neue bildnerische Dimensionen eröffnet: "Ich wollte etwas,
das meine malerische Idee, dicke Farbaufträge und dünne
Striche, räumlich macht. Ich wollte nicht mehr nur etwas abgießen
wie eine Bronzeskulptur, ich wollte eine Skulptur, die in jeder
Zone Malerei enthält, um die ich herumgehen kann, die aus jeder
Perspektive, in jedem Licht anders lebt." Gerd Sonntags
Glasskulpturen, sie finden ihre Liebhaber über Deutschland
hinaus unter anderem in Brasilien und den USA, sind nicht vergleichbar
mit der üblichen Glaskunst. Über diese Glaskunst schreibt
der Kunsthistoriker Prof. Lothar Lang in seinem Buch Buchkunst und
Kunstgeschichte im 20.Jahrhundert (Stuttgart 2005):"Zu Gerd
Sonntags Malerglasskulpturen sehe ich nichts Vergleichbares."
In einem aufwendigen, selbstentwickelten Verfahren baut der Künstler
nach zuvor angefertigten räumlichen Skizzen ein fragiles Konstrukt
aus farbigen Glasstreifen, Drähten, feuerfesten, später
wieder entfernten Formteilen, die das Glas nach Erreichen der Schmelztemperatur
in die gewünschten Formen fließen und kontrolliert verschmelzen
lassen. Dieser Vorgang wird in einem langwierigen Schmelz- und Abkühlprozess
in mehreren Schichten wiederholt. Die so entstandenen Glasobjekte,
Köpfe, Figuren und Figurenensembles erreichen durch ihre ausgeklügelte
Komposition aus Farbigkeit, Lichtkanälen und Hohlräumen
je nach Beleuchtung und Blickwinkel eine Lebendigkeit, die allenfalls
holografisch adäquat wiederzugeben wäre: "So eine
Proportionierung von Farben in Indigo, Rubin, leuchtendem Gelb oder
kristallklar hätte ich in der Malerei nicht geschafft. Dazu
setze ich, was völlig glaskunstwidrig ist, feine Drähte
ein, die wie dünne Pinselstriche die Gefälligkeit des
Glases stören." [s. Abb. Glasskulptur]
Wenn Apollinaire einst
recht gehabt hat, und "Malerei ist eine Lichtsprache",
dann führt Gerd Sonntag diese Sprache in seinen Glasskulpturen
der Vollendung entgegen. "Raumschiff VIRUS gelandet",
lautet der warnende wie programmatische Titel einer seiner neuesten
Glasobjekte. "Maler, Glaskünstler, Glas, Glasobjekte,
glass art, Gedichte, Textbilder, Gerd, Bilder, Kunstkritik, Gerd
Sonntag, Heads, Köpfe, Glasskulpturen Jaques Mallet, Arbeit
am Aufsteh, Zahlenbilder, Schriftbilder, paintings." So charakterisiert
ein fast-schon-Rap den Künstler, abrufbar unter Hyperlink "http://www.alles-ich.de".
Dort ist auch noch mehr zu entdecken über Gerd Sonntags Universum:
mein Ich mein Arbeit mein Geburt.
© Udo Scheer, 2006
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