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Rita Bischof Verwüstete Sprache,
beschädigte Bilder, verwaltete Kunstt
So war der Verfall der
Bildung und das daraus resultierende Nichtverstehen nur Symptom
einer fortschreitenden Zerstörung der Werte in den modernen
Staats- und Gesellschaftssystemen, die zuletzt auf eine Vernichtung
des Sprach- und Sozialwesens Mensch hinauslaufen.(Rudolf Borchardt)
Wie kam es, daß der Diskurs über Kunst, der doch in den
ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts eine Höhe erreicht
hatte, die der ihres Gegenstandes entsprach, in eine Beliebigkeit
des Ausdrucks abrutschte, die den Vergleich mit den Medien und der
Werbung nicht mehr zu scheuen braucht?Einer von jenen, die die moderne
Kunstessayistik begründeten, André Breton, hatte schon
1925 bemerkt: "Es lauert auf dem Weg der Kunst ein großes
stinkendes Tier, das Geld", und damit das Ende der Epoche bezeichnet,
in der die soziale Situation der Künstler der der Schriftsteller
und Intellektuellen noch vergleichbar war. Der Kunst eröffnete
sich in dem Moment ein Sonderweg, da sich das Kapital für sie
zu interessieren begann. Und dies wiederum geschah in dem Augenblick,
da weder die Bodenhaftung noch die Goldpreisbindung eine ausreichende
Garantie mehr boten, und man infolgedessen nach etwas zu suchen
begann, das so selten, so unvergleichbar war, daß es jede
Wertsteigerung zu rechtfertigen schien, kurz: als das Kapital den
Unikatcharakter der Werke der bildenden Kunst entdeckte. Das kommt zwar den heute lebenden Künstlern zugute; am besten aber funktioniert das Spiel, wenn die Künstler bereits verstorben sind. Denn der lebende Künstler stellt insofern immer noch eine Irritation der Märkte dar, als er jeden Augenblick mit einem neuen Werk intervenieren kann und damit auch den von Kunstkritikern festgestellten Wert seiner Werke dem Roulett von neuem überantwortet. Ob sich das Spiel für die Anleger wirklich lohnt, ob ihre Rechnung tatsächlich aufgeht, sei dahingestellt. Es könnte ja sein, daß die Sammler, die längst keine Liebhaber mehr, sondern Anleger sind, am Ende auf ihren Bildern sitzen bleiben, und es hier um eine ebenso schwindelerregende Kapitalvernichtung geht, wie wir sie vor kurzem auf den internationalen Finanzmärkten erlebten. Der ästhetische Wert bliebe davon allerdings unberührt; wirklich gefährlich werden kann den Werken nur der Ikonoklasmus, die Zerstörung. Georges Bataille hat in seinem Entwurf einer "allgemeinen Ökonomie" die eminent wichtige Rolle der Verschwendung für alle sozialen und ökonomischen Prozesse erkannt. Er hat aber auch die explosive Mischung gesehen, auf die bereits Goethe im zweiten Teil seines Faust hingewiesen hatte: daß nämlich auf dem allegorischen Wagen, den die Verschwendung lenkt, in der bürgerlichen Gesellschaft hinten der Geiz (Mephisto in verkleideter Form) Platz nimmt. Und wo Geiz und Verschwendung sich paaren, geht es nicht mehr um Poesie, auch nicht um Geist, vielmehr kommt es zwangsweise zu einer Wertvernichtung. Nur der Krieg kann mit dem gigantischen Schredder mithalten, zu dem sich die Aktienmärkte mittlerweile entwickelten. Das Kapital, das zunächst alles entwertete, was Menschenwitz und Kunst erfunden haben, scheint gegenwärtig dabei, in seine idealistische Phase einzutreten; es handelt zunehmend mit Waren, die (noch) gar nicht existieren und von denen es fraglich ist, ob sie es je werden. Wer, wie die Shareholder in aller Welt, in Derivate investiert, hat den Solidaritätspakt der gegenwärtigen mit der zukünftigen Menschheit bereits aufgekündigt. Er zögert nicht, denen die Existenzgrundlage zu entziehen, die noch gar nicht geboren sind. Und so steht zu befürchten, daß er nicht nur das Himmelreich, sondern auch das irdische Leben verfehlen wird. Im Grunde aber haben wir es ja immer schon gewußt: eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, ... und eher vernichtet das Geld sich selbst, als daß es sich an die verschenkt, die es bitter nötig haben, beispielsweise in Form eines Marshallplanes. Artenschutz ist aber
auch für die Vertreter dessen einzufordern, was man früher
einmal Geist genannt hat und was man heute besser anwendungsfreie
oder arbeitslose Negativität nennen sollte. Gemeint ist eine
intellektuelle Energie, die sich nicht in nützliche Tätigkeit,
nicht in Arbeit investiert und die folglich nicht in einem Positiven,
einer neuen Setzung, einem neuen Produkt aufgehoben wird. Sie bedient
auch nicht den Markt, der nur akzeptiert, wer sich in den vorgezeichneten
Bahnen eines Meisterdiskurses bewegt, oder wer von der Sprache denselben
Gebrauch macht wie der Markt vom Geld. Für die Vertreter jener
anwendungsfreien Negativität, die beharrlich zur Sprache bringen,
was die kursierenden Sprechweisen dissimulieren, bedeutet dies zwar,
daß sie sich auf eine stolze Tradition von Intellektuellen
gegen die Gesellschaft berufen können, gleichzeitig aber müssen
sie mit der dem Markt eigenen Unerbittlichkeit rechnen, der aus
ihnen einen Sozialfall macht. Nur so läßt sich erklären,
daß gerade in dem Land, das einmal stolz auf die kritischen
Leistungen seiner Denker war, ja, das, wie Lessing, Kant und Friedrich
Schlegel beweisen, die philosophische Kritik sozusagen erfunden
hat, keine Kritik mehr geübt werden darf. Was Breton, der die sich ihm bietende Gelegenheit beim Schopfe packte und vom Kunsthandel lebte, nicht gesehen hat und nicht sehen konnte, war, daß von einem gewissen Zeitpunkt an der Markt die Kunstgeschichte der Moderne zu verwalten begann. Die Aufgabe der Kunstverwalter aber ist, die Kunstwerke so zu präparieren, daß sie ihrer Bestimmung auf den Märkten zugeführt werden können. Dazu muß dem Publikum zunächst einmal Hören und Sehen vergehen. Hier stößt nun ein anderer Trend mit dem beschriebenen zusammen: in den sozialistischen Ländern war es der Staat, der Literatur und Kunst und also auch die Diskurse über sie verwaltet hat. Das ist heute, wie sich
herausstellte, ein Standortvorteil. Denn in puncto wuchernder Kunstbürokratie
waren sie mit ihren auf Parteitagen festgelegten Richtlinien der
kapitalistischen Anarchie der Moden eindeutig überlegen, bis
sich schließlich die beiden Trends nach 1989 auf das Glücklichste
vereinigten. Auch hier wuchs zusammen, was offensichtlich zusammengehört.
Die Folgen waren absehbar. Immer schon hatte die Bürokratie
eine ganz eigene Art, die Sprache ihren Bedürfnissen zu unterwerfen,
was schon Nietzsche monierte, als er die Diagnose stellte: noch
hundert Jahre bürokratisch verwaltete Sprache, und alle Worte
haben Aussatz. Die sich als subversiv verstehenden literarischen
Strömungen versuchten zwar redlich, gegen die staatliche Gängelung
der Sprache anzukämpfen, leider aber dadurch, daß sie
der Sprache noch mehr Gewalt antaten, als es die Bürokraten
ohnehin schon getan hatten. Was für die Sprache
einer vermeintlich avantgardistischen Literatur gilt, gilt nicht
weniger für die Kunstdiskurse, die auf dem gleichen Humus entstanden
sind. Der zeitgenössische Diskurs über die Kunst beschreibt
nicht mehr die Verfahrensweisen der Künstler; und nur noch
selten stellt er die Werke in einen ästhetischen Zusammenhang,
denn ihm fehlen die Maßstäbe der traditionellen Kunstkritik.
Er stellt auch nicht die Gedanken dar, die ins Kunstwerk eingegangen
sind oder aus ihm heraus gestaltet werden, er bewegt sich vielmehr
in größtmöglicher Geistferne. Und genauso wenig
ist er Poesie, im Gegenteil: er verwüstet nicht nur die Bilder,
sondern bezieht auch die Sprache in sein Zerstörungswerk ein.
II. Was die von der ästhetischen
Moderne geprägten DDR-Künstler charakterisiert, ist ein
so unbefangen neugieriger Umgang mit den von ihr inaugurierten Formen
und Techniken, mit ihrer Pluralität, daß sie in dieser
Auseinandersetzung nicht nur ihren jeweils eigenen Ausdruck finden,
sondern auch die Vorbilder eigentümlich lebendig werden und
in oft überraschenden Bildassoziationen wiederkehren. Sie behaupten
ihre Aktualität. Und wenn die traditionellen Gattungen der
Kunst : Tafelbild, Zeichnung, Skulptur etc. heute noch oder wieder
eine Rolle spielen, so verdanken wir das, mehr als uns vielleicht
bewußt ist, auch und gerade jenen Künstlern der ehemaligen
DDR, die, unbeirrt vom Diktat der Zensur und der Moden, den künstlerischen
Weg der Avantgarde nachgingen und in die Spuren einer Moderne traten,
von der sich vielleicht eines Tages erweisen wird, daß sie
unsere Antike ist. . Übrigens zeugt
gerade die periodisch bemühte, zwanghaft anmutende Abwertung
der modernen Werke davon, daß sie ihr widerständiges
Potential noch nicht eingebüßt haben.Künstler, die
das Bild gegen die Inflation der Halb-Bilder verteidigen, handeln
daher in berechtigter Sorge, so auch Gerd Sonntag. Der Blick hakt sich an Augen und Mund fest, die staunend, entsetzt oder fragend offen stehen, und daraus erhellt, daß das Ich ein Abgrund ist, in dem unaufhörlich Dramen spielen, die zumeist tragisch, manchmal auch komisch oder beides gleichzeitig sind. Insofern könnte man wohl von Masken sprechen, von den Masken verschiedener Ich-Intensitäten, und von einer unendlichen Befragung des Ich, das in allen seinen Ekstasen - in der ersten, der zweiten und der dritten Person, im Singular und im Plural - anwesend ist. Die variable Struktur, die im Innern von Köpfen wirksam ist, wird sozusagen nach außen gestülpt und macht deutlich, daß das Ich oder das Subjekt nicht länger als metaphysische Substanz, sondern als Funktion zu bestimmen ist, nämlich als Funktion seiner Wünsche, Versagungen und Enttäuschungen, seiner Wut, seiner Leiden und Verletzungen, seiner Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, die in nie vorhersehbaren Rhythmus in ihm pulsieren und nicht selten ins Bild explodieren. Dieses rhythmische An- und Abschwellen von Bewußtseinsgraden, Seelenlagen und Bedeutungen ergießt sich nicht nur durch die rissigen, geborstenen Strukturen eines plastisch-pastösen Farbauftrags hindurch in den Raum, sondern erhält auch in den Glasschmelzearbeiten eine oft überraschende, das Licht brechende Transparenz. Es zeigt sich aber auch dort, wo in aggressiver Gebärde zur Schere gegriffen und ein Kopf neu modelliert, in seinem Umriß sozusagen korrigiert wird, was in der Regel ebenfalls dazu dient, die Geschlossenheit der Person aufzubrechen, ihr einen höheren Grad an seelischer Spannung, an innerer Zerrissenheit zu verleihen. Und ganz nebenbei wird dadurch auch die Plastizität, das Relief des Bildes, erhöht. Sonntags Arbeiten lassen erkennen, daß die verschiedenen Ereignisse, die Vorgänge und Erlebniszustände, die Selbst-Empfindungen und Fremdbestimmungen, aber auch die Sacherfahrungen, die die Innenwelt konstituieren, weder das gleiche Tempo, noch die gleiche zeitliche Ausdehnung besitzen, daß sie sowenig auseinander folgen wie sie in dieselbe Richtung drängen. Daher läßt sich auch keine Entwicklung erkennen, und noch weniger gibt es eine Geradlinigkeit des Sinns. Es gibt nur wechselnde Intensitäten, die sich in verschiedenen Raumempfindungen sedimentieren. Und um die verschiedenen Intensitätsgrade bezeichnen zu können, darf man nicht länger nach Ursachen und Wirkungen suchen, sondern muß den Schichtungen und Verwerfungen, den Wucherungen und Anlagerungen folgen. Das gilt nicht minder von den Wortbildern, mit denen Gerd Sonntag, nachdem er zunächst, und vorsichtig noch, Schrift seinen Köpfen zugefügt hatte, in den letzten Jahren immer ausschließlicher hervortrat. Sie machen, wie auch die Zahlenbilder, das asketische Moment seiner Bilder, den Bildrefus, noch deutlicher. Aus bestimmten obsessiv besetzen Worten, die insofern etwas Schicksalhaftes transportieren, als sie an die alltäglichen Schrecken der Existenz, seltener an ihre Freuden, erinnern, hat er sich ein malerisches Idiom geschaffen, dessen oberstes Merkmal darin besteht, daß das Wort nicht etwa den Bildinhalt wiedergibt oder das Bild das Wort illustriert; vielmehr löst im Idealfall das Wort sich in Farbe auf und wird dadurch selbst Bild. Die Worte schaffen einen unendlich komplizierbaren Raum, der einem ständigen Wandlungsprozeß unterliegt, einfach dadurch, daß er an Volumen zu- und abnimmt. Man fühlt sich bisweilen an "Le Cortège d'Orphée" von Apollinaire erinnert, in dem Orpheus gleich zu Beginn die Linie als die Stimme des Lichtes rühmt, wobei er sich auf das Werk "Poimander" von Hermes Trismegistos beruft. Dort heißt es: "Bald sanken Finsternisse herab, und es entfuhr ihnen ein unartikulierter Schrei, der die Stimme des Lichts zu sein schien". Apollinaire selbst hat dazu notiert: "Ist diese «Stimme des Lichtes» nicht die Zeichnung, das heißt die Linie? Und wenn das Licht in seiner ganzen Fülle sich ausdrückt, wird alles farbig. Die Malerei ist im Grunde eine Lichtsprache." Und das zeigt, daß die Auseinandersetzung mit Sprache, mit dem Wort die Malerei nicht von sich wegführt, jedenfalls nicht notwendig. Eine starke, rein pikturale
Besetzungsenergie ist bei Gerd Sonntag am Werk, die bisweilen ganze
Wortfelder - Arbeit, Notwendigkeit, Krankheit, Versicherung - zueinander
in Beziehung setzt, ohne daß ihre Geschichte, ihr semantischer
Gehalt explizit entfaltet würden. Nur sie selbst, immer wieder
plakatiert, als ein ständiger Appell an die geistige Aktivität
des Beobachters, die Worthülsen zu füllen und das ins
Bild einzuholen, worauf es zwar verweist, was es aber nicht enthält.
Der Beobachter ist in diesen Bildern immer auch Leser. Daher ist
seine Wahrnehmung auch ständig der Gefahr ausgesetzt, in die
Linie zurückgezwungen zu werden. ungen leer blieben, während hier etwas entsteht, das in seinen Dimensionen, seinen Bedeutungen nicht festgelegt und daher für jede Veränderung, jeden Einbruch der Zeit offen ist. Daß sie nichts mehr sagen, weil sie nicht in sich selbst differenziert werden, macht die Worte für den Maler erst interessant. Ihre Transparenz verliert sich dann, sie werden opak: Blöcke, Wortblöcke entstehen, die in dem Maße, in dem sie gegenständliche Qualität annehmen, jede referentielle Funktion von sich abweisen. Sie verweigern aber auch ihre kommunikative Funktion. Wie das in den Kopfbildern befragte Ich ganz in sich eingesponnen ist und keine Kommunikation mit einem anderen Ich als eine aggressive, feindliche oder defensive zu kennen scheint, bleiben auch die Worte solipsistisch, und wenn sie etwas kommunizieren, dann eben dies Solipsistische. Die Variationen der immergleichen Worte, von denen die meisten lange Zeit den Diskurs der Moderne beherrschten, einige gegenwärtig aber, wie das von Sonntag am häufigsten gebrauchte Wort 'Arbeit', dabei sind, aus ihm eliminiert zu werden, oder kurze Sätze, wie: "Ich verläßt mich, Ich geht fremd", "Ich hatte einmal mein Gesicht" - oder auch bloße Wortfolgen wie: "Mein Ich, mein Arbeit, mein Geburt", was sich wie eine abgekürzte Bildungsgeschichte liest, die ohne logische Folge abgelaufen ist, und schließlich Formelhaftes wie "Arbeit am Aufsteh", um jene furchtbare Disziplin des freien Geistes auszudrücken, deren Forderungen niemals ganz zu erfüllen sind, weshalb manche Worte auch wie nicht zu Ende geschrieben wirken, entwerfen eine ganz eigene Poesie, in denen sich die mit den Köpfen begonnene Ich-Befragung und Hinterfragung fortsetzt: "6 Uhr früh, der Aufsteh grinst, du stotterst Achterbahnen", heißt es, oder: "Spucke im Hirn, Angst im Gebiß", "Deine Kindheit tritt dir den Himmel ein", "Gott würfelte an Dir vorbei". Die Wortwiederholungen dienen nicht nur dazu, ein Thema proportional zu seiner sozialen Aktualität zu entfalten; es geht um mehr: Sonntag weist auch auf die Determinationen von Wahrnehmungen durch die Sprache hin und hebt sie in seinen Bildern zugleich auf die vielfältigste Weise auf. Die Anwesenheit der Schrift im Bild ist daher immer auch als eine Art Anweisung an den das Bild Wahrnehmenden zu verstehen. Und das Unbequeme, Sperrige der Bilder zeigt sich gerade darin, daß die Worte, die sie nennen, so manchem Betrachter im Halse stecken bleiben und mitunter regelrechte Abwehrreaktionen auslösen. Nicht immer sind die Worte deutlich lesbar, oft sind sie fast gänzlich von Farbschichten verdeckt, und es bedarf einer gewissen Kontemplation auf das Bild, damit sie aus dem gemalten Untergrund hervorbrechen. Solche Bilder gleichen einem Wunderblock, auf dem nicht nur die Worte selbst, sondern auch ihre zahllosen Überschreibungen in Spuren aufbewahrt sind. Diese Bedeutungsschichten, aus unzähligen Definitionen und Interpretationen von Interpretationen geboren, müssen freigelegt werden von einem Auge, das gleichsam archäologisch funktioniert, damit ihr ursprünglich Gestisches und ihre semantische Vielfalt sichtbar werden. Erst dann wird man erkennen, daß es hier immer noch um Tafelbilder geht, und zwar um Tafelbilder im doppelten Wortsinn, nämlich um solche, die sich zugleich ironisch auf sich selbst replizieren. Die moderne Malerei des zwanzigsten Jahrhunderts war zu weiten Teilen dadurch charakterisiert, daß ihre Werke einen Bruch mit dem klassischen Verhältnis von Figur und Grund vollziehen, was sich selbstverständlich auch bei Gerd Sonntag findet. Dieser Bruch gewinnt aber sowohl in seinen Köpfen wie in seinen Wortbildern insofern eine neue, nur für ihn spezifische Form, als es in seinen Werken immer auch um die Abtragung von Schichten und das Ausgraben der Figur geht. Diese zieht alles, den gesamten Raum, bis zu den fernsten Horizonten in ihre Geburt oder besser: Wiedergeburt mit hinein. Denn genau darum, um Geburt nämlich, geht es. Die Geburt ist zwar in einigen Bildern wie beispielsweise dem großartigen Sonnenzyklus "Die Geburt der Saliha" aus dem Jahre 1996 auch Thema, und hier ist das Zentralgestirn unseres Planetensystems das zeugende Element, sie ist aber überall im Werk von Gerd Sonntag mehr oder weniger versteckt gegenwärtig. Immer handelt es sich um aus unzähligen Überlagerungen eruptiv hervorbrechende Bildwelten, die von den Wunden und Zerrissenheiten, von der Gewalt gezeichnet sind, ohne die eine Geburt nun einmal nicht zu haben ist, nicht einmal die Selbstgeburt. Und, auch das machen seine Bilder deutlich, keine Geburt gleicht der anderen, jede löst andere Empfindungen aus, jede geht von anderen seelischen Energien aus, weshalb in jeder auch etwas Neues entsteht, etwas, das über die gestalteten Elemente, die bekannt sein können und die es in aller Regel auch sind, hinausschießt. Diese Elemente, von unzähligen geschichtlichen Explosionen verstreut, werden in einem leidenschaftlichen Elan gesammelt und vereint, so daß aus jedem Zusammenbruch die Welt wieder von neuen anhebt. In jedem Bild bricht sich mit anderen Worten die Schöpfung ein Bett. © Rita Bischoff erschienen in "Herzattacke",
2002 |